Zwei Männer mit Atemschutzmasken und Handschuhen verpacken Schachteln voller Atemschutzmasken.
Ein DRK Helfer steht an einem sonnigen Tag auf der Laderampe eines Feuerwehrwagens.
Zwei Helferinnen des DRK in Warnkleidung, überprüfen konzentriert den Inhalt einer Versandkiste.

Zwischen Hamsterkäufern und Schwerkranken: Apothekerin Sandra Roth

„Nein, das ist leider aus.“; „Das haben wir gerade nicht da.“; „Ich habe geschaut, es ist derzeit nicht verfügbar.“
Es sind Sätze wie diese, die Sandra Roth und ihr Team in diesen Tagen öfter sagen müssen. Mehr als 200 Medikamente sind in den regulären Lagern der Apothekengroßhändler nicht verfügbar. Den Grund benennt Sandra Roth eindeutig: „Besonders die Risikogruppen bekommen den Hinweis, so wenig wie möglich aus dem Haus zu gehen. Das sorgt dafür, dass die Menschen sich mit Medikamenten bevorraten wollen.“ Hinzukäme, erklärt Roth, die gestiegene Nachfrage bei allen Produkten, die in der Corona-Pandemie besonders gefragt sind. Fieberthermometer seien kaum noch zu bekommen, zertifizierte Atemschutzmasken und selbst einfach Mundschutze seien Mangelware. Lediglich die Packungen mit Einmalhandschuhen hat Sandra Roth in größeren Mengen auf Vorrat und kann sie – einem Zulieferer sei Dank – derzeit gut und problemlos nachbestellen. Doch auch die Handschuhe sind in Zeiten der Corona-Krise heiß begehrt. In Internetportalen würden diese, berichtet sie, inzwischen zu mehr als dem doppelten Einkaufspreis angeboten.

Viel Geld kann in diesen Tagen auch für Desinfektionsmittel ausgegeben werden. 50 Euro sind für ein virentötendes 50-Milliliter-Fläschchen keine Seltenheit – beim Privatverkauf im Internet. Denn im Handel sind die keimschädlichen Mittel fast überall vergriffen. Dass Apotheken sie jetzt selbst herstellen können, ist auf das Anfang März beschlossene coronabedingte Aussetzen der europäischen Biozidverordnung zurückzuführen. „Wir dürfen nun 180 Tage lang unsere eigenen Desinfektionsmittel herstellen, dann tritt die Verordnung wieder in Kraft und es ist wieder nur noch den großen Unternehmen gestattet“, sagt Sandra Roth. Doch für die Rezeptur braucht sie Zutaten, die im Moment schwer erhältlich sind. Denn die alkoholische Grundlage der Mittel muss möglichst rein – das heißt so hochprozentig wie möglich sein. Andernfalls muss das in Krisenzeiten begehrte Wasserstoffperoxyd zugegeben werden. Hinzu kommt die Verpackungsproblematik: „Wenn ich dann aber doch Desinfektionsmittel herstellen konnte, dann muss ich es ja in etwas abfüllen. Die entsprechenden Gefäße sind aber auch schwer zu bekommen.“ Umso größer ist Sandra Roths Freude, als eine Lieferung zahlreicher kleiner Glasflaschen in der Apotheke eintrifft.

Eine Apothekrin lächelt und hält eine Atemschutzmaske in die Kamera.
Apothekerin Sandra Roth hat für sich und ihr Team Atemschutzmasken bevorratet. Noch werden sie selten getragen.

Viele Stunden verbringe Roth derzeit vor dem Computer, in verschiedenen Portalen und bei verschiedenen Großhändlern recherchiert, wo es vielleicht noch einen kleinen Medikamentenbestand gibt und was sie Ersatzpräparate beschaffen kann. Diese Arbeit sei es, die sie in diesen Tagen viel Zeit und Kraft kostet. Besonders schlimm: Hamsterkäufe sind nicht nur im Einzelhandel und bei Toilettenpapier an der Tagesordnung. Besonders Medizinprodukte erfreuen sich während der Seuche einer ungewöhnlich hohen Nachfrage.

Und das Hamstern macht auch vor ihrem Haus nicht halt. „Manchmal kommen Kunden, die schon große Tüten voller Medizinprodukte haben. Die wollen dann auch hier noch möglichst viel leerkaufen“, berichtet Sandra Roth. Ein Spagat für sie, denn während die einen aus der Krise einen möglichst großen finanziellen Gewinn ziehen wollen, warten viele schwerkranke Menschen dringend auf Medikamente und Mittel. Sandra Roth kennt viele von ihnen, unterstützt sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden durch Botengänge und den Medikamenten-Lieferservice. Doch nicht immer kommt die Hilfe an. Sie berichtet von einer Situation, die einen nur schwer an die gegenseitige Unterstützung der Gesellschaft glauben lässt. Erst kürzlich habe die Apothekerin einer schwerhörigen Patientin ihre Medikamente bringen wollen. Als diese die Klingel offenbar nicht hörte, versuchte Sandra Roth es bei einem Nachbarn im gleichen Eingang. Noch durch die Gegensprechanlage gab der ihr aber zu verstehen, dass er aus Angst vor Corona gar keinen ins Haus ließe – nicht einmal die Apothekerin mit der notwendigen Medizin.

Eine Apothekerin zeigt ein stark geleertes Medikamentenregal.
Mehr als 200 Medikamente sind für die Geraer Apotheke derzeit nicht verfügbar. Apothekerin Sandra Roth bemüht sich um Ersatzpräparate und Nachschub.

Es sei aber längst nicht überall so, berichtet Roth und spricht von einer Welle der Solidarität, die sie auch von vielen Apothekerkolleginnen spüre. „Wir helfen uns gerade sehr viel untereinander aus“, sagt sie und erzählt von ihrer Studiengruppe, die heute noch im Kontakt stehe und dank der Roth auch einige der nur noch schwer zu bekommenden Medizinprodukte und Medikamente für ihre Kunden vorrätig habe.

Sich selbst und ihr Team schützt Roth im Übrigen durch bekannte und dennoch dringend notwendige Maßnahmen. Auf einer Schiefertafel in der Apotheke weist sie in bunten Buchstaben auf das Abstandsgebot von mindestens anderthalb Metern zwischen den Kunden hin. Eigens für die Krise eingebaute Glasscheiben trennen Apothekenteam und Patienten und sollen so die Ausbreitung der Tröpfcheninfektion verhindern. Wer am Tresen arbeitet, der tut dies nur mit Einmalhandschuhen, die anschließend weggeworfen werden. Auch Schutzmasken würde Roth für ihre Mitarbeitenden vorhalten, erklärt sie. Doch derzeit habe sie es noch jedem freigestellt, sie im Bedarfsfall zu tragen. Dass sich dies durch eine Verordnung ändern könnte, es ist in der aktuellen Lage durchaus vorstellbar.

Dennoch gehe es ihr und ihrem Team derzeit vor allem darum, den Menschen auch die Sorge vor der aktuellen Situation zu nehmen, sagt Sandra Roth. „Wir versuchen Ruhe auszustrahlen und die verunsicherten Leute so gut es geht über die aktuelle Situation aufzuklären.“ Auch dann, wenn die benötigten Medikamente nur durch ein alternatives Präparat ersetzt werden können.

Text: Paul-Philipp Braun

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