Pfarrer Holger Kafka von der Erfurter Predigergemeinde
Pfarrer Holger Kafka von der Erfurter Predigergemeinde
Ein Tablet auf einer Kirchenbank
Ein Mann am Mikrofon zur Interkulturellen Woche in Erfurt
Landesrabbiner Alexander Nachama auf einer Kirchenbank

Gottesdienst über das Internet

Wie gehen die Glaubensgemeinschaften in Thüringen mit der aktuellen Krise um?

„Das ist für uns eine einmalige Zeit. Wir arbeiten ja immer für und mit Menschen, aber das ist gerade ziemlich schwierig“, sagt Katharina Prüßing-Neumann. Die evangelische Pfarrerin ist in Königsee (Ilmkreis) für rund 1.500 Gemeindemitglieder zuständig, ihr Pfarrbereich umfasst zwölf Orte mit acht Kirchen. Es sei gerade nicht leicht, das Seelsorgeangebot der Kirche zu verwirklichen. Auch weil die Kirchen, anders als von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gewünscht, in den Orten nicht für Trostsuchende offen gehalten werden können.  „Trotzdem ist unser Pfarrbüro besetzt, wir sind telefonisch erreichbar“, sagt Prüßing-Neumann.

Telefonisch erreichbar ist auch ihr katholischer Kollege Michael Messer. Er ist Priester in der St. Marien Kirche im Heilbad Heiligenstadt (Eichsfeld) und damit für 7.000 Gemeindeglieder zuständig. Trotzdem betont  Messer, dass die Kirchengemeinde wegen der Corona-Krise ihre Tätigkeiten auf ein Minimum reduziert habe. „Wir haben alle Gemeindeaktivitäten gestrichen“, berichtet Messer und erklärt, dass auch die öffentlichen Gottesdienste derzeit nicht stattfinden können. „Ich halte trotzdem Gottesdienste allein, auch wenn das nicht besonders katholisch ist, weil man dafür eigentlich Gemeindemitglieder braucht“, erzählt der Pfarrer. Es sei wichtig, dass das Abendmahl, die Eucharistie, gefeiert werde: „Ich tu das für die Gemeinde, ich bete auch für sie.“ Zur rituellen Wandlung von Brot und Wein würden jedes Mal die Glocken der Kirche geläutet: „Damit zeigen wir den Menschen, dass wir trotz der Krise für sie da sind.“ Besonders für Christen es sei eine schwierige Zeit, da das Zusammensein für die Ausübung der Religion eine zentrale Bedeutung habe. Doch im Eichsfeld, erklärt Michael Messer, wäre auch der Familienzusammenhalt noch stark.

Auch die Muslime im Freistaat setzen auf die Einbindung der Familien. So erklärt der Sprecher der Ahymadiyya-Gemeinde Suleman Malik, dass wegen des Runderlass´ auch die gemeinsamen Freitagsgebete der Gemeinde ausfallen müsste. „Trotzdem rufen wir dazu auf, dass die Familien gemeinschaftlich jeden Freitag beten.“ Informationsblätter und Online-Kanäle würden die Gläubigen derzeit mit allen wichtigen Inhalten rund um das religiöse Leben in der Krise versorgen.

Innerhalb seiner Gemeinde spüre er auch eine starke Welle der Hilfsbereitschaft, erzählt Suleman Malik. So würden sich viele Jüngere um die Älteren kümmern. Die zur Ahamdiyya-Gemeinschaft zählende Hilfsorganisation Humanity First Deutschland habe in Absprache mit dem Thüringer Landesverwaltungsamt kürzlich sogar muslimische Ärzte in die unter Quarantäne stehende Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende in Suhl geschickt.

Vor großen Herausforderungen steht in diesen Tagen auch der evangelische Pfarrer Holger Kaffka. Er ist für die Erfurter Predigergemeinde zuständig und kann – anders als der Gemeindename es eigentlich vermuten lässt – derzeit nicht predigen. Etwa 3.000 Protestanten gehören zur Gemeinde in der Innenstadt. Sie bekommen die wöchentlichen Predigten inzwischen online. Schon am Sonntag vor dem offiziellen Verbot von religiösen Zusammenkünften hat internetaffine Pfarrer seine Sonntagspredigt gestreamt. Inzwischen tun seine Kolleginnen und Kollegen im Kirchenkreis Erfurt es ihm gleich. An jedem Sonn- und Feiertag gibt es ein geistliches Angebot aus einer anderen Gemeinde. „Wir sind dann am Karfreitag wieder dran“, sagt der Pfarrer, der aber auch auf das analoge Angebot seiner Kirche verweist. Jeden Tag sind die Türen der Predigerkirche geöffnet. „Damit wollen wir Angebote zum Beten, zum Lesen kleiner Andachtstexte und natürlich auch für die Seelsorge schaffen“, erklärt Holger Kaffka.

Und auch in seiner Gemeinde sei die Hilfsbereitschaft groß. „Wir haben uns mit verschiedenen Erfurter Initiativen zusammengetan, um so möglichst viele Menschen der Risikogruppe zu unterstützen.“ Doch das Problem sei derzeit nicht die Hilfsbereitschaft, sondern die Nachfrage. Vor allem ältere Menschen seien oft auf Hilfsangebote angewiesen. Durch das Internet erreiche man sie allerdings nur selten, weshalb der Pfarrer nun auf die direkte Ansprache und auf Aushänge in der Nachbarschaft setzt.

Die Nutzung technischer Geräte ist für Juden am Shabbat, deren religiösem Festtag, tabu. Predigten oder gar Gottesdienste per Internet für Telefon oder Tablet zu übertragen, das funktioniert nicht. Für den thüringischen Landesrabbiner Alexander Nachama eine Herausforderung. „Ich habe daher für unsere Gemeindemitglieder eine Liste mit Gebeten für zu Hause herausgegeben und darauf auch vermerkt, welche Gebete in dieser Ausnahmesituation auch ohne die Gemeinde gesprochen werden können“, sagt Nachama. Außerdem plane er derzeit einen Newsletter, in dem er die wöchentliche Auslegung des jeweiligen Tora-Abschnitts schreibt und den er dann – noch vor dem Beginn des Shabbats – am Freitagmorgen – per E-Mail verschicken will. Seine Besonderheit: Große Teile der Gemeinde haben die russische Muttersprache. „Ich muss also den Newsletter zweisprachig herausgeben“, erklärt der Rabbiner und berichtet, dass dies aber nicht die einzige Hürde sei. Denn Nachama unterrichtet am Erfurter Gutenberg-Gymnasium jüdische Religion. „Nachdem der Erlass zur Schule kam, war ich erst einmal damit beschäftigt, Aufgaben für die Schüler vorzubereiten und diese dann an sie zu schicken.“      

 

Text und Fotos: Paul-Philipp Braun    

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