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Ein Mitarbeiter im Betrieb trägt mit Schutzkleidung und Mundschutz eine Kiste voller Wurst
Ein Mitarbeiter im Betrieb sortiert mit Schutzkleidung und Mundschutz Einweckgläser
Mehrere Würste hängen zum Räuchern bereit
Ein Mitarbeiter bereitet Schaschlik-Spieße zu
Das Bild zeigt die Eingangstür eines Fleischfachhandels mit Corona-Sicherheitshinweisen an der Tür
Eine Mitarbeiterin mit Mundschutz hinter der Fleischtheke

Essen ist da, die Nachfrage nicht

Wie die Corona-Krise einen Thüringer Landwirtschaftsbetrieb beeinflusst

Ruhig fließt der Gönnerbach durch das Gönnatal (Saale-Holzland-Kreis). Nördlich von Jena gelegen, bieten die kleinen Dörfer im Tal, die weiten Felder und sanften Hügel genau das, was sich unter „Landidylle“ zusammenfassen lässt. Schon seit Jahrzehnten bestimmt hier die Landwirtschaft das Leben und Arbeiten vieler Menschen aus Vierzehnheiligen, Krippendorf, Altengönna oder Lehesten.

Auch Stefan Lüdkes Leben wird davon geprägt. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er in der Tierwirtschaft, ist Geschäftsführer der Gönnataler Putenspezialitäten GmbH, die zusammen mit der Gönnatal-agrar eG einer der namhaftesten Thüringer Landwirtschaftsbetriebe ist. Jede Woche werden beim Vermarkter der Putenspezialitäten etwa 1.000 Puten geschlachtet, die Gönnatal-agrar zählt mit 2.600 Hektar bewirtschaftetem Ackerland und 1.200 Rindern in den Ställen zu den wichtigen Betrieben in der Region. Insgesamt arbeiten gut 130 Menschen für das Unternehmen.

Der bisherige Erfolg mag auch daran liegen, dass die Produkte aus dem Saale-Holzland-Kreis an vielen Orten Thüringens zu finden sind – oder besser waren. Denn seitdem die Corona-Krise in Mitteldeutschland den Alltag dominiert, sind die Gönnataler nicht mehr überall gefragt. „Bis vor wenigen Wochen haben wir noch die Mensen des Studierendenwerks beliefert, die haben jetzt ihren Betrieb eingestellt. Auch Krankenhäuser zählen zu unseren Kunden. Weil dort nun Betten freigehalten werden, macht sich auch bei uns ein Umsatzrückgang bemerkbar“, erklärt Stefan Lüdke im Gespräch.

Und mehr noch: Zahlreiche der nun geschlossenen Restaurants bezogen ihr Putenfleisch ebenso aus dem Hause Gönnatal, wie Autobahnraststätten oder Schulen und Kindergärten. Alles Geschäftsbereiche, die das Unternehmen derzeit nicht bedienen kann und die Stefan Lüdke und seine Leute vor große Herausforderungen stellen.

Auch weil nun das Ostergeschäft ins Haus steht. Die Zeit, in der viele Thüringer Fleischverarbeiter einen wichtigen Teil ihres Umsatzes machen.

„Nicht kalkulierbar“, nennt Lüdke das anstehende Geschäft. Und obwohl sein Unternehmen darauf vorbereitet sei, müsse derzeit mit allem gerechnet werden: Mit einer stark gesteigerten Nachfrage ebenso wie mit einem argen Umsatzrückgang. Auch geht Stefan Lüdke davon aus, dass er wegen der Corona-Krise bald nicht mehr alle Mitarbeitenden voll beschäftigen kann. Das Stichwort Kurzarbeitergeld schwebt derzeit über dem Gönnatal.

Einziger Lichtblick: Das bislang kleine Standbein der „Bio-Kisten“, das über einen Lieferdienst mit regionalen Produkten funktioniert und sich in Zeiten von Kontaktsperre und geschlossenen Restaurants zu einem festen Anker entwickelt. „Wir konnten einige unserer Leute aus anderen Bereichen nun dort unterbringen“, sagt Lüdke und freut sich, dass das Angebot so gut angenommen werde. Auch wenn es ein schwacher Trost sei.

Doch nicht das Nachfrage- und Produktionsverhalten hat sich für den Betrieb geändert. Auch in Sachen Hygiene werden nun noch höhere Standards eingehalten. Und das, obwohl die deutsche Fleischwarenherstellung schon vor der Krise zu den auflagenstärksten der Welt gehörte. „Im Betrieb müssen jetzt alle Mitarbeiter Mundschutz tragen. Außerdem reinigen wir inzwischen mehrfach täglich die Türen und Türklinken mit Desinfektionsreiniger“, erklärt Stefan Lüdke und weist – wie so viele in diesen Tagen – auf die große Knappheit von Hygieneartikeln und Desinfektionsmittel hin. Zwar sei sein Unternehmen dank einer ausreichenden Bevorratung aus den Zeiten vor Corona noch gut arbeitsfähig, doch auch diese Reserve sei endlich.

Und so nimmt die Krise auch das beschauliche Gönnatal mit und geht an der Landwirtschaft nicht spurlos vorbei. Denn obgleich die Waren da sind und der Selbstversorgergrad der Thüringer Bauern und Landwirte ein sehr hoher ist, die mangelnde Abnahme macht ihnen vielerorts betriebswirtschaftlich und auch persönlich zu schaffen.

 

Text: Paul-Philipp Braun

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