Zur Hauptnavigation . Zur Bildergalerie . Zum Seiteninhalt

Bärbel Grönegres lächelt freundlich in die Kamera. Im Hintergrund die Fahne der EU und von Thüringen.

„Ich mache mir um die vielen kleinen Anbieter Sorgen“

Bärbel Grönegres ist Geschäftsführerin der Thüringen Tourismus GmbH (TTG), die sich um die Vermarktung der Angebote im Freistaat kümmert. Paul-Philipp Braun sprach mit ihr über Gefahren und Chancen, die für den Tourismus mit der Corona-Pandemie einhergehen.

Frau Grönegres, die Thüringer Allgemeine titelte kürzlich in Nordhäuser Lokalausgabe: „Der Südharzer Tourismus ist angeschlagen“. Wäre das auch eine Überschrift für ganz Thüringen?

Das wäre eine Überschrift für den ganzen deutschland-, europa- und weltweiten Tourismus. Es kann ja gar nicht anders sein.
Wir hatten noch im Januar sehr gute Zahlen, die die Tourismus-Entwicklung bestätigten, welche 2019 sehr erfolgreich verlief. Dann wurde diesem Tourismus von einem Tag auf den Anderen die Luft abgedreht. Selbstverständlich ist er mehr als angeschlagen.

Was heißt denn „mehr als angeschlagen“ in diesem Zusammenhang?

Da muss man einfach bei einzelnen Betrieben schauen. Das kleine Hotel im Thüringer Wald oder der kleine Familienbetrieb haben nicht unbedingt die großen Rücklagen, wie es zum Beispiel eine Hotelkette hat. Um die mache ich mir die meisten Sorgen, weil die Übernachtungen auch weiterhin ausbleiben werden. Sie sind es, die als Letztes ihr Angebot wieder an den Markt bringen können.
Es wäre ja schade, wenn uns dort ein Großteil unseres Angebotes wegbrechen würde. Das ist im Moment das, was mich umtreibt.
Die touristischen Ausflugsziele, also die Ausflugsziele unter freiem Himmel, sind sicherlich diejenigen, die als erstes wieder öffnen dürfen. Wenn auch nur unter Maßnahmen des Infektionsschutz´.

Es gab noch keinen offiziellen Corona-Shutdown, da hieß es trotzdem schon, dass die größte weltweite Tourismusmesse, die ITB in Berlin ausfällt. Auch Thüringen wollte sich da präsentieren. War das schon ein schlechtes Omen?

Absolut. Die Absage der ITB war ja auch ein kommunikativer Supergau. Die Messe an dem Tag abzusagen, als sämtliche Messeaufbauten schon standen und alle internationalen Gäste und Aussteller per Flieger schon da waren, das hätte so nicht passieren dürfen. Eine entsprechende Vorwarnung gab es ja schon etliche Zeit zuvor. Man hätte den finanziellen Schaden für alle ich deutlich verringern können, wenn man einige Tage eher abgesagt hätte.

Die Krämerbrücke in Erfurt an einem sonnigen Morgen im Frühling.

Seitdem hat sich die Lage in Thüringen stetig verändert. Wie es im Tourismussektor insgesamt jetzt aus?

Schlecht. Es findet ja so gut wie gar nichts mehr statt. Man muss sagen, es gibt keinerlei Möglichkeiten mehr, hier touristisch zu übernachten. Wir haben einige wenige Geschäftsreisende, für die wir eine Vermittlung anbieten. Die gute alte Telefonhotline ist dafür wieder zu Ehren gekommen, weil da das Internet gar nicht so schnell hinterherkommt, dass die freien Kapazitäten dort gemeldet werden und über Google zu finden sind.
Es gibt natürlich nach wie vor einen Geschäftsreise-Tourismus, wenn auch nicht in dem Umfang wie vor der Krise. Und die Menschen müssen ja auch irgendwo übernachten. Nicht jeder möchte in seinen eigenen Kofferraum schlafen.

Die TTG hat die Aufgabe, diesen Tourismus zu vermarkten. Wie macht man das in der Krise?

Wir haben uns auf die virtuelle Reise begeben und versuchen, die Liebe zu Thüringen am Köcheln zu halten. Wir laden zu virtuellen Spaziergängen oder auch Wanderungen über den Rennsteig ein. Alles per Kamera. Und es wird sehr gut angenommen. Etliche Tausende haben das Angebot schon mitgemacht.

Und das Themenjahr des „Musikland Thüringen“ – Was ist damit?

Da wären wir jetzt eigentlich auf Tournee gegangen. Aber alle Festivals sind abgesagt.
Also mussten wir uns etwas anderes einfallen lassen und machen jetzt immer mittwochs einen Musikabend im Netz, wo wir mit Partnern aus Thüringen Konzertmitschnitte ausstrahlen. Wir haben die Hoffnung, dass wir dann das, was wir jetzt nicht machen können vielleicht später nachholen könnten.

Was wird diese Krise für den Tourismus in Thüringen für Folgen haben? Kann man das schon irgendwie einschätzen?

Positiv hoffe ich, dass die Nachfrage nach einem Land wie Thüringen mit seinen kleinteiligen Strukturen noch stärker wird. Entschleunigtes und nachhaltiges Reisen, der Thüringer Wald als Inbegriff der Natur, das wird sicher gefragt sein. Sehr gute Chancen haben wird auch zum Beispiel im Nationalpark Hainich, nach der Krise vielleicht sogar bessere als vorher.
Aus der Schweiz gibt es dafür bereits erste Signale, auch die Deutsche Bahn wird Thüringen nach der Krise noch mehr in den Fokus nehmen. 

Und im Negativen?

Ich mache mir um die vielen kleinen Anbieter Sorgen. Zum Beispiel entlang des Rennsteigs. Wird es da noch die Dichte von Angeboten geben, die wir brauchen, um auch ein attraktives Wandererlebnis hinzubekommen? Entlang des Unstrut-Radwegs habe ich gerade noch mit den Verantwortlichen gesprochen. Da gibt's diese Angebote noch gar nicht. Und die zarten Pflänzchen, die sich da entwickeln würden, die sind jetzt auch erstmal zurückgeschnitten worden. Vielleicht wird auch da das Angebot mit der Nachfrage wieder wachsen. Aber das ist sicherlich keine Frage von Monaten. Auch da muss man dann wahrscheinlich wieder in Jahren denken.

Die Wanderwege im Thüringer Wald wirken gerade total überfüllt. Merken Sie da jetzt schon eine stärkere Nachfrage, weil mehr Wanderkarten gewünscht werden oder die Internetseite stärker geklickt wird?

Aktuell würde ich das für den Thüringer Wald noch nicht so unbedingt sehen. Ich glaube, da ist auch so viel Platz, dass sich dort die Thüringer Touristen nicht auf die Füße treten.
Nach meiner Beobachtung sind es die Radwege entlang der Werra oder der Saale, die sehr nachgefragt sind. Aber nicht in dem Umfang, dass man jetzt schon von einer Überfüllung sprechen könnte. Trotzdem sind die Thüringer gefühlt gerade mehr in Bewegung als sonst.

Das heißt, die Thüringer werden sich gerade quasi zwangsmäßig bewusst, wie schön das Land ist?

So könnte man es ausdrücken. Ich habe schon oft in Gesprächen gehört: „Wenn diese Krise eins für uns gut war, dann, dass wir uns wieder auf unsere Werte besonnen haben. Dass wir uns auf das besonnen haben, was wir eigentlich hier haben.“
Der eine oder andere erkennt jetzt plötzlich wie schön es ist, wenn man hier in Thüringen bleibt und entsprechend hier die Natur und die Städte genießen kann.

 

Text: Paul-Philipp Braun

Ein Blick in das Bür der Thüringer Tourismusgesellschaft. Bärbel Grönegres steht im Raum und lächelt den Betrachter an. Im Vordergrund eine Schachtel mit der Sonderedition einer Playmobilfigur von Martin Luther.

Der Freistaat Thüringen in den sozialen Netzwerken: